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Cornwall 2009

"An einem Samstag Ende Oktober fing alles an. An einem grauen stürmischen Tag in einer grauen Jahreszeit. Frühling und Sommer waren vorbei und vergessen, und der Winter hatte noch nicht angefangen, sein Gesicht zu zeigen, über den grünen Hügeln und dem vom Sturm zersausten Meer, das unablässig gegen die schroffen Klippen peitschte, getrieben vom unablässigen Wind..."

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...so oder ähnlich fangen viele der berühmt-berüchtigten Rosamunde-Pilcher-Romane an. Romane, die in vielen Lesern die Sehnsucht nach dem Südzipfel der britischen Insel geweckt haben, dem magischen Licht, das viele Künstler speziell nach St. Ives führte. Auch Enid Blyton ließ ihre 5 Freunde der gleichnamigen Jugendbuchserie in Cornwall spielen, oft auf der Jagd nach Schmugglern in den unzähligen Buchten. Was Rosamunde und Enid in ihren Romanen nicht so genau erwähnten, hätte vermutlich eine ganze Menge etwas anderer Touristen nach Cornwall gelockt. Die lockte jetzt der englische Ex-Worldcupper Jan Sleigh mit seinen E-Mails und Fotos der letzten Sessions an, nachdem er sich eine Unterkunft in Newquay zugelegt hatte.

So machten sich zwar nicht die 5 Freunde George, Julian, Dick, Anne und Timmy, aber immerhin die 3 Freunde Christian, Klaus und Chris auf den Weg nach Cornwall. Nicht auf der Jagd nach Schmugglern sondern nach Wavespots. Und die sollten sie reichlich finden, zumal schon bei der Vorbereitung des Trips immer klarer wurde, dass Newquay nicht zu Unrecht als "Surfing capital of the UK" bezeichnet wurde. Nach einem kurzen Zwischenstopp in London gab der etwas holperige Landeanflug auf Newquay-Airport Hoffnung, dass wir das richtige Zeitfenster gewählt hatten, und auch unser Treffen mit Jan an einem stürmischen Strand bei einbrechender Dämmerung hätte in jeden 5 Freunde Film gepasst.

Bereits der erste Tag bestätigte, dass Jan nicht übertrieben hatte, sondern vielmehr dem typisch britischen Understatement treu geblieben war. Vom Parkplatz oberhalb der Steilküste der St. Ives Bay sahen die Wellen etwa logohoch aus, aber es ist eben alles eine Frage der Perspektive, wie wir vom Strand aus nach dem Abstieg über die Felsen feststellten. Locker masthohe Sets liefen am Leuchtturm vorbei in die Bucht und ausgerechnet Jan als Local war der erste, der mit Materialschaden die Strömung austestete. Die zog aufs Meer, so dass Christan den Versuch startete, Jan in Richtung Strand zu ziehen. Inzwischen hatten scheinbar Zuschauer die Coast Guard der Royal Air Force alarmiert, die mit ihrem Helikopter das folgende Spektakel aus unmittelbarer Nähe von oben betrachteten.

Der Versuch von Christian Opitz, mittels Segelkraft den havarierten Jan in das größtmögliche Set zu ziehen und damit das Tow-In-Surfen auf ein neues Level zu heben, scheiterte kläglich in der Impact Zone, endete aber in einem spektakulären Waschgang der beiden, der sogar die Jungs im Heli zu Applaus motivierte. Beide schafften es unmittelbar vor den Felsen am Ende der Bucht wieder an Land, allerdings blieb das Segel von Jan verschollen. Unser spontaner Vorschlag, am nächsten Tag doch mal auf dem örtlichen Fischmarkt nach dem Fang des Tages Ausschau zu halten, war eigentlich gar nicht so falsch, doch dazu später mehr.

Da der Wind etwas drehte und auffrischte, verlegten wir unseren Startpunkt etwas weiter in den Südwesten der Bucht, einen Spot genannt Mexikos, wo sich inzwischen auch weitere Locals um die King Brothers eingefunden hatten und das Niveau entsprechend hoch war. Allerdings weniger verwunderlich, wenn die Locals öfter solche Bedingungen geboten kriegen, wie wir sie dann erlebten. Saubere lange logo- bis masthohe Sets mit Sideoffshore Wind, besser geht es kaum. Kein Wunder, dass der lange Aufstieg zum Parkplatz durch die Dünen nach einem solch perfekten Surftag nur mit Sherpas zu bewältigen war.

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Zur Auffrischung der angegriffenen Energiereserven hat Cornwall ungeachtet des schlechten Rufes der englischen Küche einiges zu bieten; neben Unmengen an hochkalorischen Süßigkeiten wie den Cream Teas, sind speziell die unterschiedlich gefüllten Pastrys eine lokale Spezialität und auf die Hand eine perfekte Speise für den Heimweg. Alternativ sei für alle die nördlich von Newquay in der Watergate Bucht einmal neben den üblichen guten Wellenreitbedingungen auch gute Windsurfbedingungen finden sollten, das Restaurant des Kochgurus Jamie Oliver "Fifteens" direkt am Strand empfohlen.

Zurück zu der Feinkost, die Cornwall für Windsurfer auf dem Wasser auftischt; in den folgenden Tagen verschmähten die Locals bei der für diese Region ungewöhnlichen Wetterlage mit Nordostwind meist die gebotene Kost. Gut für uns, hatten wir so die Strände und Wellen meist für uns allein. Na gut, fast für uns, denn Wellenreiter waren eigentlich immer im Wasser. Wie entspannt die jedoch waren, zeigte sich spätestens, als Christian Opitz mitten in einem Wellenreitcontest Surfern unfein in die Welle droppte. Diese waren ausgerechnet Angehörige der Royal Marines, die ihre interne Meisterschaft ausrichteten. Statt böser Worte oder militärischer Konflikte inkl. Aufmarsch der britischen Marine wurde man eher bei einem guten Wellenritt angefeuert. Seltsam, aber dennoch nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen.

Wellenreiten ist in der Tat Lifestyle in Cornwall, wobei die Boards tatsächlich nicht nur zu Dekozwecken im Wagen mitgeführt werden. In Newquay reihen sich in der Hauptstrasse die Niederlassungen der Surffirmen wie an einer Perlenkette, und auch in jedem kleinen Ort findet sich neben dem obligatorischen Pub auch mindestens ein Surfshop. Windsurftechnisch dagegen ist Cornwall noch nicht so vollständig erschlossen, deswegen sollte man zum einen sein Material samt Reserve selber mitbringen, zum anderen bietet sich neben entspannten Kontakten auf dem Wasser auch die Möglichkeit für eigene Entdeckungen. Denn neben den bekannten Spots um Gwithian und Daymer Bay gibt es unzählige Buchten, die zum richtigen Zeitpunkt unvergessliche Sessions bieten können. Wir erwischten solch einen Tag in Perranporth, ohne auch nur einen anderen Windsurfer auf dem Wasser, dafür mit einer atemberaubenden Kulisse vor einer Steilküste und dem kleinen Ort, nur mit neugierigen Seehunden zwischen den Wellen.

Die kleinen Orte bieten gerade abseits der sommerlichen Hauptsaison einen ganz besonderen Charme, und die ein oder andere Herausforderung für Autofahrer durch ihre engen verwundenen Gassen, in denen man den Seitenspiegel einklappen muss. Dafür bieten die schon erwähnten Pubs nach einem gelungen Surftag einen guten Anlaufpunkt, was speziell durch das Pendant der deutschen Konjunkturpakete, die Reduzierung des Bierpreises durch britische Brauereien auf ein Drittel des ursprünglichen Preises noch verlockender geworden sein dürfte. Newquay selbst bietet die Alternative zu beschaulichen Abenden im Pub; als Partytown in ganz England bekannt ist nicht nur an Halloween mit allerlei seltsamen Gestalten zu rechnen. Die finden sich angeblich auch in Vollmondnächten an den zahlreichen Steinkreisen und Menhiren ein, um wie die alten Druiden seltsame Rituale zu zelebrieren. Scheinbar opferten sie auch den Windgöttern ausreichend, denn nach 14 Tagen mit guten Bedingungen wiesen nicht nur unsere Hände teilweise Auflösungserscheinungen auf. Immerhin hatten wir all unser Material noch mehr oder weniger heil, um damit die netten Damen am Check-In aus der Fassung zu bringen.

Auch Jan sollte im Übrigen nach unserer Abreise wieder sein Material komplett haben: nicht die 5 Freunde lösten den Fall des verschollenen Segels, sondern ein Kapitän eines Fishtrawlers dem tatsächlich 2 Wochen nach unserem ersten Surftag das Segel ins Netz ging und der sich bei Jan meldete…